Vermisst
Mama hatte mich schon zu Bett gebracht, zugedeckt, zuerst mit der Wolldecke und dann mit dem großen Federbett. Wir hatten wie jeden Abend zusammen gebetet und nach ihrem vertrauten "Gott segne dich mein Kind" fühlte ich mich geborgen.
Mama saß noch auf um Näharbeiten zu erledigen, die Kerze flackerte in der Küche. Zum Glück hatte sie einige Aufträge ergattert, so würden wir morgen genug zu Essen haben.
Mama war so blaß und dünn geworden, dass ich mich darüber zu wundern begann, dass sie fast nie Hunger hatte, sondern das meiste mir gab. Nun lag ich im Nebenzimmer auf der Herrenseite des alten Ehebettes. Die Tür war einen Spalt geöffnet denn wir waren beide nicht gerne alleine.
Trotz der Decken war es kalt. Ich hatte die Augen geschlossen und mir gerade vorgestellt, auf meinem tapferen Ross Hattitattla über die Prärie zu reiten, die Spuren der Komantschen nicht aus den Augen lassend. Mit einem Fuss war ich schon in dieser aufregenden Welt, ich musste nur noch ein bisschen wärmer, konzentrierter und entspannter werden, um hinüberzugehen, da geschah es.
Mama schrie leise auf und zuckte zusammen, als das verstohlene Klopfen an der Tür ertönte. So spät war noch nie jemand an der Tür gewesen. Ich zog die Decken etwas höher und öffnete – wie Old Shatterhand das immer tat – meine Augen nur einen kleinen Schlitz weit. So konnte der Feind nicht wissen, dass ich wach war und alles beobachtete.
Mama hatte ihre Handarbeit nervös zusammengedrückt und auf den Tisch gelegt. Sie wickelte sich aus der Wolldecke in die sie sich gehüllt hatte, um Holz zu sparen, und stand auf. Mit einer resignierenden Geste strich Mama ihren Rock glatt. Die Schneiderschere hielt sie merkwürdig steif in der verkrampften Hand. Dann ging Mama mit festen Schritten zur Tür, die Schere im Rock verborgen. Es klopfte bereits ein weiteres Mal, diesmal ungeduldig. "Wer ist da?" rief Mama leise und öffnete hastig die Tür als sie den Besucher erkannte.
Ein großer massiger Mann schob sich rasch durch die halbgeöffnete Tür. Bevor er die Tür wieder schloss und verriegelte, blickte er noch kurz die Straße entlang.
Meine Mama sah den Mann erschrocken an und umarmte ihn heftig. "Heinrich, wo kommst du her? Setz dich, du wirst etwas warmes brauchen." Der Mann unterbrach die ausbrechende Geschäftigkeit meiner Mutter und legte ihr die Hand auf den Arm "Lass nur. Alles ist vorbei. Alles ist aus".
Mama nahm die Hand des Mannes und sah ihm in die Augen: "Wovon sprichst Du?". Der Mann ächzte, er ließ Mama los und setzte sich schwer auf unseren zweiten Küchenstuhl. "Ich bin fortgelaufen, desertiert. Ich sah, dass es zu Ende geht und da wollte ich heim. Ich wollte zu Anna. Ich komme von dort. Ich war in Darmstadt. Fast hätte ich die Straße nicht gefunden. Fast hätte ich das Haus nicht mehr gefunden. Nein, das ist nicht wahr, ich habe das Haus nicht mehr gefunden. Nur noch Schutthaufen. Nur noch Schutt und Staub. Alles ist aus. Alles ist zerbombt. Dann habe ich dort auf der Straße den alten Müller getroffen, du weißt, aus dem dritten Stock. Er hat mir erzählt, wie sie alle zusammen im Keller saßen um abzuwarten, bis der Angriff vorüber wäre. Doch dann sei die Bombe gekommen. Der Knall. Alles hätte gezittert. Putz und Mauerbrocken wären von der Kellerdecke gefallen, aber zum Glück sei der Ausgang nicht gänzlich verschüttet gewesen. Also wären alle so schnell es ging hinaus, auf die Straße, gekrochen und gestolpert. Das Haus brannte schon. Anna wäre schon draußen gewesen, erzählte mir Müller, doch dann, dann hätte sie "Vater" gerufen und wäre wieder in den Keller gerannt und dann, dann," hier unterbrach der Mann und atmete schwer, "Müller sagte, dann sei das Haus eingestürzt."
Der Fremde war immer leiser geworden, stockend hatte er gesprochen, und jetzt ließ er Kopf und Schultern sinken und war still geworden. Meine Mutter war neben ihm stehengeblieben, die Hände, mit der Schneiderschere fest an die Brust gepresst. Schweigend hatte sie seine Schilderungen verfolgt, nur ab und zu leise aufgestöhnt.
Jetzt legte sie die Schere weg und nahm sich den zweiten Stuhl. Mama setzte sich genau vor den Mann, Knie an Knie und zwang ihn so, sie anzusehen. "Bleib hier Heinrich, nichts ist zu Ende. Bleib bei mir und dem Jungen. Wir sind ganz alleine hier, die Straße ist unbewohnt, die meisten sind ausgebombt oder verstecken sich auf dem Land oder bei Verwandten, keiner ist mehr da, keiner kann dich verraten. Wir brauchen Dich, der Junge und ich. Wir haben Angst so alleine. Mein Mann ist in Russland, lange schon habe ich nichts mehr von ihm gehört. Bleib jetzt bei uns."
Ein Schauder ergriff den Mann. Er hob den Kopf aus den massigen Schultern und sah meine Mutter an "Ach Hedi, es macht doch alles keinen Sinn mehr. Keinen Sinn. Es ist aus und vorbei. Alles ist zerstört. Wir werden verlieren. Alles wofür wir gekämpft haben – alles werden wir verlieren. Es ist sinnlos."
Langsam erhob sich der Fremde: "Ich gehe jetzt besser wieder. Ich wollte Dich nur noch einmal sehen. Leb wohl".
Und Mama versuchte ihn festzuhalten und sie rief "bleib, bleib doch hier, wo willst du denn jetzt hin mitten in der Nacht, so bleib doch", doch er schüttelte sie ab und ging.
Mama stand an der Tür und sie sah dem Mann nach und sie schaute zu mir und dem Bett und da wusste ich, sie würde ihm nachlaufen und ich rief: "Mama". So kam sie wieder herein, schloss die Tür und setzte sich an den Tisch. Sie stützte den Kopf auf und dann weinte sie.
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